To the main page

Klaus Arnold on Libanius Gallus

Als die eigenartigste Lehrerpersönlichkeit des Trithemius erscheint jedoch ein Mann, den er Libanius Gallus nennt. Libanius ist nur im Zusammenhang mit Trithemius faßbar, auf den er großen Einfluß gehabt zu haben scheint. Gern wüßten wir gerade über ihn mehr als das farblose Bild, das aus den Erwähnungen des Schülers und drei teilweise recht dunklen Briefen zu gewinnen ist. Was konnte der Abt von "seinem besten und einzigartigen Lehrer" lernen? Den ersten Hinweis gibt die Erwähnung der Bekanntschaft anläßlich eines Besuches in Sponheim im Sommer 1495 in der Apologie gegen die Beschuldigungen der Zauberei im "Nepiachus". Libanius ist Erbe des Wissens und der Bücher eines Eremiten Pelagius, den Trithemius in den "Annales Hirsaugienses" mit Fernando de Córdoba (etwa 1425-1486) identifiziert. Libanius lebte längere Zeit in Saint Quentin, ebenso wie Carolus Bovillus (Charles de Bovelles), in dessen Haus er verkehrte, wie wir aus Briefen des Jahres 1505 erfahren, deren Überbringer der Arzt Narcissus war. Neben Nikolaus von Cues und Henricus Cornelius Agrippa von Nettesheim war Bovillus einer der bedeutendsten Verbreiter lullistischen Gedankenguts. Auch Fernando war - bei allen Vorbehalten - mit dem esoterischen Gedankengut des Ramon Lull bekannt. Gemeinsam ist diesen Gelehrten - auch Giovanni Pico della Mirandola, dessen Bekanntschaft Trithemius der Vermittlung des Libanius zuschreibt, rechnet dazu - der Drang nach einem allumfassenden Wissen; einem Ziel, dem auch der Abt nachstrebte: Einsicht in die Geheimnisse der Philosophie, des christlichen Glaubens und der Natur will er durch Libanius erlangt haben. Der Zug des Geheimnisvollen, mit dem sich Trithemius gern umgibt, und der "faustische" Drang nach den natürlichen und übernatürlichen Geheimnissen der Welt gehört ebenso zum Bild seiner Persönlichkeit wie sein grenzenloses Streben nach Wissen. Am Ende seines Lebens muß er freilich doch resignierend erkennen, daß er seine Geheimnisse mit ins Grab nehmen wird.